Die Persönlichkeitsfrage
Warum eine Buchhandlung heute mehr als Literatur bieten muss
Hameln. „Zum Glück bin ich zu Ihnen gekommen. Vielen Dank!“ Die Frau, die sich fast überschwänglich bei Michaela Jeretzky im Gehen bedankt, hat genau das bekommen, was sie sucht. Ein Buch für ihre smarte Nichte, die bald in die Grundschule kommt und jetzt schon alle Buchstaben kennt. Zufrieden blickt Jeretzky durch ihre Buchhandlung mit Café und schließt die Kasse.
Es ist fast ein Jahr her, dass ihre langjährige Chefin und Vorgängerin Cornelie von Blum nach schwerer Krankheit verstarb. Ein Bild über dem Tresen und der Name „Buchhandlung von Blum“ über dem Eingang erinnern an die stadtbekannte Buchhändlerin.
Einzelhandel unter Druck
Wie oft bei inhabergeführten Geschäften hängt viel von der Chefin ab. So standen Jeretzky und ihre Kolleginnen vor einem Jahr vor der Frage, wie es ohne Cornelie von Blum weitergehen kann. Der Einzelhandel steht unter ständigem Druck. Während Jeretzkys Team viele Kunden persönlich begrüßt, locken Amazon und Co. mit simulierter Nähe durch personalisierte Werbung und anonyme Lieferungen bis an die Haustür.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnte im März vor der Schließung von 4.900 Geschäften im laufenden Jahr, wodurch die Gesamtzahl auf rund 296.600 Ladengeschäfte in Deutschland sinken könnte. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren zählte die Lobbyvereinigung der Einzelhändler noch 366.800 Läden. Wo Läden gehen, entstehen Lücken und Leerstand.
Gegen den Trend
Trotz dieser Herausforderungen war für Michaela Jeretzky früh klar: „Ich will, dass es hier weitergeht. Ich möchte diesen Ort erhalten.“ Als die Zusage der Bank kam, übernahm die 49-Jährige die Buchhandlung samt Café Frida. „Ich habe einen Heidenrespekt vor der großen Verantwortung als Chefin“, sagt die erfahrene Buchhändlerin.
Für einen leichteren Start in die Selbstständigkeit profitiert Jeretzky wie 37 andere Geschäfte vom Förderprogramm „Hameln handelt“. Seit 2021 unterstützt die Rattenfängerstadt neue Einzelhändler finanziell und bezuschusst in der Anfangsphase die Kaltmiete. Voraussetzung ist ein originelles und tragfähiges Konzept. So will die Weserstadt Leerstände beenden oder, wie im Fall der Buchhandlung von Blum, gar nicht erst entstehen lassen.
Stadtsprecher Thomas Wahmes begleitet das Projekt von Anfang an und freut sich, dass mit 29 Geschäften noch knapp 80 Prozent der geförderten Läden in der Innenstadt zu finden sind. Doch es gibt keine Erfolgsgarantie: Auch vielversprechende Ideen wie der Unverpacktladen „Natürlich ohne“ mussten mangels Nachfrage im Sommer 2025 wieder schließen.
Ein klassischer Buchladen – das wird schwierig
Die Buchhandlung von Blum verkauft nicht nur Literatur, sie ist gleichzeitig das Café Frida. Seit dem Umzug 2015 in die heutigen Räume an der Emmernstraße mischt sich der Geruch von frischer Druckware mit heißem Kaffee. Zu Anfang noch extern betrieben, übernahm ohne klassische Gastro-Erfahrung das Buchhandlungsteam das Café vor fünf Jahren selbst. Unter den strengen Augen eines Frida-Kahlo-Porträts mit Kaffeetasse fragen Kunden bei einem Stück Kuchen die Kellnerin nach einer Buchempfehlung, diskutieren die Zeitung oder sprechen mit hier neugefundenen oder mitgebrachten Freunden über ihr Privatleben. Die Emmernstraße ist auch ein Ort der gesellschaftlichen Begegnung mit Veranstaltungen und Lesungen. Die begeisterte Buchhändlerin ist überzeugt: „Einen klassischen Buchhandel ohne Events oder ein Kombikonzept zu betreiben, wird heutzutage schwierig.“
Offensichtlich hat Cornelie von Blum schon früh das Potenzial dieser Kombination erkannt. Das Café Frida fügt sich in einen Trend ein, den auch die Stadt Hameln beobachtet: Wie in ganz Deutschland entsteht auch hier immer mehr Gastronomie. Wo früher am Pferdemarkt Einzelhändler waren, sind heute vor allem Restaurants und Cafés.
Der Weg zum Ziel
Die Zukunft der Innenstadt hängt nicht nur von den Geschäften ab, sondern auch von der Frage, wie die Menschen dorthin kommen. Eine aktuelle Studie der Hochschule Hannover zur „Belebung der Hamelner Innenstadt“ liefert dazu Zahlen. Projektleiter Prof. Dr. Andreas Daum wies bei der Ergebnisvorstellung im Februar 2026 auf eine verzerrte Wahrnehmung der Gewerbetreibenden hin: Diese schätzen im Durchschnitt, dass rund 72 Prozent ihrer Kunden mit dem PKW kämen – tatsächlich sind es mit 32 Prozent deutlich weniger als die Hälfte. In der Konsequenz wird der Bedarf an Parkplätzen überschätzt. Das deckt sich mit Jeretzkys Erfahrung: Wenn sich Kunden beschweren, dann über nicht ausreichende Stellplätze.
Wie die Buchhandlung von Blum zeigt, stehen im Zentrum des Städtebesuchs heutzutage die Aufenthaltsqualität und das Einkaufserlebnis. Das bestätigen auch die Befragungen von Kunden in Daums Forschungsprojekt. Im Ergebnis empfiehlt der Wissenschaftler eine neue Platzaufteilung in der Hamelner Innenstadt. Durch mehr Platz für Fahrräder und Fußgänger könnte die Stadt ihre Attraktivität steigern. Bei weniger Platz für Autos ist die Rattenfängerstadt jedoch vorsichtig und lehnt ein Gegeneinander verschiedener Verkehrsmittel ab.
Anpacken auf Hamelner Art
Nach fast einem Jahr als neue Chefin an ihrem „eigentlichen ersten Zuhause“ zeigt sich Michaela Jeretzky optimistisch für Hamelns Zukunft und sagt wie nebenbei: „Mir fällt gerade nichts ein, was in Hameln fehlt. Aber wenn, dann würde ich es selbst umsetzen.“ Und so spielt sie bereits mit dem Gedanken an ein eigenes Straßenfest in der Emmernstraße.

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